Am 24. Januar 2026 fand am Neubautunnel der Hermann-Hesse-Bahn eine umfangreiche Übung statt, die mehr als nur Routine war. Sie war zentrale Voraussetzung für die Inbetriebnahme der Bahnstrecke zum 31. Januar 2026.
Das Szenario war realistisch gewählt: Ein Zug steht brennend im Tunnel, rund 30 geschminkte Verletzte müssen versorgt werden. Was nach außen wie ein kontrolliertes Training aussieht, bedeutet für die Einsatzkräfte eine echte Herausforderung. Denn nur unter realistischen Bedingungen zeigt sich, ob Abläufe, Kommunikation und Zusammenarbeit im Ernstfall funktionieren.
Wenn mehrere Organisationen zusammenarbeiten müssen
Die örtlichen Feuerwehren übernahmen die Brandbekämpfung sowie die Rettung und Evakuierung der Personen aus dem Tunnel bis zum Portal Ostelsheim. Unterstützt wurden sie durch den Rettungsdienst des DRK-Kreisverbandes Calw e.V., Polizei, THW, Notfallmanager der Bahn sowie die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis Calw. Eine solche organisationsübergreifende Zusammenarbeit erfordert klare Strukturen und eingespielte Zusammenarbeit.
Das DRK Calw rückte mit einem strukturierten Kräfteansatz aus: Der hauptamtliche Rettungsdienst war mit LNA (Leitender Notarzt) und OrgL (Organisatorischer Leiter), einem NEF, zwei RTW und einem KTW vor Ort. Ergänzt wurde das Team durch ehrenamtliche Kräfte der Bereitschaften aus Calw, Nagold, Neubulach und Rohrdorf sowie den ehrenamtlichen Führungsdienst. Insgesamt entstand so eine Einheit, die das gesamte Spektrum der präklinischen Versorgung abbildete.
Sichtung nach mSTaRT: Strukturiertes Vorgehen bei begrenzten Ressourcen
Die zentrale Aufgabe des DRK lag in der nichtärztlichen Sichtung der durch die Feuerwehr geretteten Personen nach dem mSTaRT-Verfahren (modifiziertes Simple Triage And Rapid Treatment) sowie deren anschließender Versorgung. Dieses standardisierte System ermöglicht es, bei Großschadenslagen mit begrenzten Ressourcen schnell Prioritäten zu setzen.
Das Prinzip ist klar strukturiert: Verletzte werden innerhalb kürzester Zeit einer von vier Kategorien zugeordnet. Die rote Sichtungskategorie (T1) erhält, wer akut lebensbedrohlich verletzt ist (etwa bei starken Blutungen, Atemstörungen oder Schocksymptomen). Diese Patienten benötigen sofortige Behandlung. Gelb (T2) kennzeichnet Schwerverletzte, deren Behandlung noch aufgeschoben werden kann, beispielsweise bei Knochenbrüchen ohne unmittelbare Lebensgefahr. Grün gesichtet (T3) werden gehfähige Leichtverletzte, die sich zunächst selbst helfen können. Die Kategorie Schwarz (T4) bleibt Verstorbenen oder Personen ohne Überlebenschance vorbehalten.
Durch diese klare Einteilung können die verfügbaren Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen – ein Grundprinzip der Katastrophenmedizin, das in der Übung praktisch erprobt wurde.
Behandlungsplatz direkt an der Einsatzstelle
Unmittelbar vor Ort, neben den Gleisen am Portal Ostelsheim, richteten die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des DRK einen professionellen Behandlungsplatz ein. Das Zelt vom GW San (Gerätewagen Sanität) der Bereitschaft Calw diente dabei als geschütztes Behandlungszelt für die Sichtungskategorien rot und gelb. Hier wurden die akut lebensbedrohlich und schwer verletzten Patienten unter kontrollierten Bedingungen versorgt – mit ausreichend Platz für Material, Personal und die notwendige medizinische Ausrüstung.
Die grün gesichteten Leichtverletzten sammelten sich währenddessen am Seitenstreifen, wo sie betreut wurden, bis der Transport organisiert werden konnte. Diese räumliche Trennung nach Sichtungskategorien entspricht dem Standard bei Großschadenslagen und ermöglicht eine effiziente Ressourcenverteilung.
Mehr als nur Sichtung und Versorgung
Neben der medizinischen Versorgung übernahm das DRK weitere wichtige Aufgaben in den Bereichen Transport, Betreuung und Logistik. Die Sporthalle Ostelsheim diente als Sammel- und Unterbringungsort für die Darsteller und erwies sich als praktikable Lösung. Für die Dauer der Übung war die L183 zwischen Ostelsheim und dem Abzweig Schafhausen voll gesperrt und vermittelte so einen realitätsnahen Rahmen, der die Komplexität einer echten Einsatzlage widerspiegelte.
Die Einbindung des DRK-Ehrenamts erfolgte bei der Übung vergleichsweise kurzfristig. Umso bemerkenswerter ist das Engagement der Einsatzkräfte, die trotz der kurzen Vorbereitungszeit professionell und konzentriert agierten. Viele nutzten ihren freien Samstag, um an dieser wichtigen Übung teilzunehmen. Ein Einsatz, der zeigt, wie ernst das Ehrenamt seine Verantwortung nimmt.
Fazit: Training für den Ernstfall
Solche realitätsnahen Übungen sind unverzichtbar. Sie schaffen nicht nur Routine in Abläufen, sondern ermöglichen es auch, Schnittstellen zwischen den Organisationen zu verbessern und gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Was am 24. Januar im Ostelsheimer Tunnel geübt wurde, kann im Ernstfall Leben retten, wenn alle Beteiligten wissen, was zu tun ist, wenn die Kommunikation funktioniert und wenn die Zusammenarbeit reibungslos läuft.
Ein herzlicher Dank geht an alle haupt- und ehrenamtlichen Einsatzkräfte, die mit ihrem Engagement und ihrer Professionalität diese Übung zu einem Erfolg gemacht haben. Sie sind es, die Tag für Tag Verantwortung übernehmen. Bei Übungen wie im Einsatz.







